Epidemien in früheren Zeiten

Das Coronavirus sorgt bei uns für eine Krise. In vielen Bereichen steht das Leben still. Viele Menschen verlassen nicht mehr ihr Haus, um einer Infektion vorzubeugen. Soziale Kontakte sind für zahlreiche Menschen nur noch per Telefon oder über soziale Medien möglich. Etliches, das für uns bis vor kurzem noch selbstverständlich war, geht einfach nicht mehr. Selbst das Einkaufengehen gerät zu einem Abenteuer.

Damit einher geht die persönliche Lebenskrise, in die viele Menschen sich gestürzt sehen. Ein großes Problem ist die zunehmende Vereinsamung allein stehender Menschen. Die zunehmende häusliche Gewalt. Der gereizter werdende Umgangston. Und zudem stehen viele Menschen völlig unerwartet wirtschaftlich am Abgrund: Das Geld wird knapp, weil man in Kurzarbeit gehen muss oder vielleicht sogar von seinem Arbeitgeber entlassen wurde. Zahlreiche Geschäfte, Restaurant etc. haben gegen den Ruin zu kämpfen, und die Inhaber müssen befürchten, dass die Coronakrise die endgültige Schließung bedeutet. Das alles darf man in keiner Weise beschönigen oder gar verharmlosen!

Aber manchmal hilft doch auch ein Blick in die Vergangenheit, um sich zu verdeutlichen, dass wir heute – zumindest in unserem Land – wohl doch noch einmal ganz, ganz andere Möglichkeiten haben, mit der Krise fertig zu werden, als das an anderen Orten und/oder zu anderen Zeiten der Fall war.

In meinem Urlaub nach Weihnachten habe ich mich ein wenig stärker mit der Erforschung meiner Familiengeschichte beschäftigt. Und machte dann eine Entdeckung, die mich selbst mehr als nur ein wenig erstaunte. Zu meinen Vorfahren zählt nämlich auch ein Reformator: Kunemann Flinsbach. Er wurde 1527 in Bergzabern in der Pfalz geboren und studierte in Wittenberg – dort war er Tischgast bei Melanchthon (mit dem er verwandt gewesen sein soll). Ab 1552 war Flinsbach Pfarrer und Superintendent in der Residenzstadt Zweibrücken. Als solcher gehörte es zu seinen Aufgaben, für die Durchführung der Reformation in den pfalz-zweibrückischen Gebieten zu sorgen. Gelegentlich lieh ihn sein Herzog auch aus: So versuchte Flinsbach etwa, gemeinsam mit Kaspar Olevian in Trier die Reformation einzuführen. Das misslang zwar, hatte aber später üble Folgen für Flinsbach. Im Jahr 1571 befand er sich nämlich auf der Rückreise von Trarbach nach Zweibrücken, als ihm auf kurtrierischem Gebiet der Wagen brach. Er bat den katholischen Pfarrer des nächsten Dorfes um Unterstützung. Dieser erkannte in Flinsbach den „Ketzer“, der einst Trier evangelisch machen wollte, und mischte ihm Gift in den Trank, den er ihm vorsetzte. Nur wenige Tage später starb Flinsbach an den Folgen der Vergiftung.

Doch auch schon zuvor hatte es in seinem Leben dramatische Ereignisse gegeben. Das schlimmste wohl im Jahr 1564. Im Oktober starb ihm seine erste Frau Katharina – und zwar an der Pest, die in jenem Jahr in der Pfalz wütete. Ein Blick in das Kirchenbuch zeigt, wie unglaublich viele Menschen damals in der ja keineswegs übermäßig großen Stadt starben. Wie es damals in den Familien zugegangen ist, welche Ängste, welche Nöte die Menschen hatten, das können wir uns vermutlich nicht einmal ansatzweise vorstellen. Und wie Flinsbach und seine Pfarrkollegen es geschafft haben, in all dem Sterben trotzdem noch Seelsorger zu sein, Gottesdienste zu halten und die Verstorbenen zu bestatten – auch das kann ich mir kaum vorstellen.

Im Jahr darauf, als der „schwarze Tod“ ausgewütet hatte, fing das Leben wieder neu an. Flinsbach heiratete ein zweites Mal. Seine Frau Magdalena war selbst während der Pestepidemie Witwe geworden, und noch viel schlimmer: Nicht nur ihr erster Mann war gestorben, sondern innerhalb kürzester Zeit auch wenigstens fünf ihrer gemeinsamen Kinder. Welch unglaubliches Leid hat diese Frau erfahren!

So erschüttert ich über das bin, was ich vom Leben dieser meiner Vorfahren in Erfahrung gebracht habe, und so groß die Sorge ist, die auch mich zur Zeit umtreibt: Mir wird auch deutlich, wie dankbar wir zu sein haben. Dankbar dafür, dass wir mit all dem, was wir zum täglichen Leben brauchen, immer noch gut versorgt sind, dass wir Strom, fließendes kaltes und warmes Wasser, Heizung, Telefon, Fernsehen und Internet haben. Dankbar dafür, dass die medizinische Versorgung bei uns trotz der angespannten Lage noch weitaus besser ist, als sie früher jemals war und in vielen anderen Ländern der Erde heute noch ist. Dankbar dafür, dass wir Epidemien nicht mehr ganz schutzlos ausgeliefert sind, weil wir wissen, wie wir uns schützen können, und weil wir vielleicht schon bald auf einen wirksamen Impfstoff hoffen dürfen. Dankbar dafür, dass die Menschen – besonders in unserem Kreis Heinsberg – zum allergrößten Teil solidarisch zueinander stehen. Und besonders dankbar dafür, dass wir auch heute wie schon zu allen Zeiten darauf vertrauen dürfen, dass in jeder Krise Gott an unserer Seite ist und uns beisteht.

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Über Christian Justen

Geboren 1970 in Traben-Trarbach. Aufgewachsen in Irmenach (Hunsrück). Studium in Wuppertal und Bonn. Vikariat in Mülheim an der Ruhr. Probedienst in der Eifel, an der Mosel und auf dem Hunsrück. 2006 bis 2014 Pfarrer in Birkenfeld (Nahe). Seit 2014 Pfarrer in Übach-Palenberg.

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