Die zweite Seite von Corona – oder: Alles hat seine Zeit

Die erste Seite von Corona liegt auf der Hand. Überall sind Menschen voller Angst. Es macht Angst, Kontrollverlust zu erleben, nicht zu wissen: Was kommt auf uns zu? Angst davor, man selbst wird schwer krank – oder ein naher anderer Mensch. Angst auch davor: Was bedeutet es für meine wirtschaftliche Existenz, wenn Betriebe und Geschäfte schließen?

Es liegt auf der Hand, dass große Angst und Sorge die Menschen bewegen. Es liegt auf der Hand: Heute ist die Zeit, zu klagen oder zu weinen. So sehr liegt das Niederdrückende von Corona auf der Hand, dass wir die zweite Seite übersehen. Aber diese andere Seite GIBT es, und sie hat genauso Realität wie das Schwere. Die Chancen in der Krise nicht wahrzunehmen, wird der Realität genauso wenig gerecht wie Positivismus.

Ein paar Beispiele – und bestimmt finden Sie noch viele andere: Es liegt auf der Hand: Wenn man zu Hause aufeinander hockt, schlagen mancherorts sicherlich Wogen von Streit besonders hoch.

Aber das andere gibt es auch: Ist Ihnen schon aufgefallen, dass plötzlich Familien mit ihren Kindern spazieren gehen – und sie LACHEN zusammen. Ein Vater spielt auf der Straße mit seinem kleinen Sohn. Andere Menschen suchen endlich wieder einmal die Natur auf: Innerhalb der „Wohngemeinschaft“ ist es ja weiterhin okay, zusammen draußen sein. Familien haben plötzlich Zeit miteinander – ungewollt. Und diese Zeit nutzen viele tatsächlich und gestalten sie bewusst.

ALLES BEIDES hat jetzt seine Zeit!

Es liegt auf der Hand: Verkäufer/innen berichten von ängstlich-aggressiven Kunden, immer wieder. Aber das andere gibt es auch: Letzte Woche Samstag, als die Entwicklung erst begann, war ich einkaufen. Ich weigere mich hartnäckig, Hamsterkäufe zu machenund stand dann tatsächlich vor ei-

nem fast leeren Nudelregal. Zusammen mit anderen fassungslosen Leuten, denen es ähnlich ging. Und wissen Sie was? Ich habe noch nie beim Einkaufen so viel mit anderen Leuten gelacht wie an diesem Tag! Auf Abstand natürlich, so gut es ging. Aber wir haben gelacht und unsere Witze gemacht.

ALLES BEIDES hat jetzt seine Zeit!

Klar: Immer wieder ärgern wir uns über Egoismus und ausgefahrene Ellbogen. Aber das andere gibt es auch: Bei uns in der Straße überschlagen sich gerade die Hilfsangebote für unsere älteren Nachbarn. Auch meine Schwiegereltern – sie wissen gar nicht, von wem sie die Hilfe annehmen sollen, um damit niemand anderen vor den Kopf zu stoßen.

Wussten Sie, dass nach Studien in Krisenlagen ein Großteil der Menschen damit reagiert, solidarisch zu handeln und näher zusammen zu rücken? Wussten Sie, dass die Menschen, die in der Krise egoistisch werden, eine Minderheit ausmachen? Corona bietet die Chance, dass wir ein neues Miteinander entdecken!

ALLES BEIDES hat jetzt seine Zeit!

Klar: Kontrollverlust macht Angst. Und die überschwemmt uns im Moment manchmal. Aber Tatsache ist doch: Die Kontrolle über unser Leben hatten wir immer nur begrenzt – auch vorher. Wir versuchen gern, das zu vergessen, aber Leben ist immer lebensgefährlich – ob ich arm bin oder reich. In der Zeitrechnung „vor Corona“ 😉 war das vielen Menschen nicht bewusst. Es ist so einfach, sich etwas vorzumachen und damit sich selbst zu beruhigen: Für alles gibt es Versicherungen, und Globalisierung und Digitalisierung haben unsere Möglichkeiten und Freiheiten schier ins Unendliche wachsen lassen. Den Menschen ist ein gesundes Bewusstsein für unsere Grenzen abhandengekommen. Und auch wenn es jetzt weh tut: Corona führt uns unsere Begrenztheit vor Augen. Diese Zeit bietet die Chance, dass wir Menschen uns wieder besinnen: Was ist uns wirklich wichtig? Was können wir, was wollen wir?

ALLES BEIDES hat jetzt seine Zeit!

Alles hat seine Zeit. Und im Moment gleichzeitig. Zeit zu weinen – und gleichzeitig auch Zeit zu lachen. Zeit der Einschränkung von Kontakt – und gleichzeitig Zeit von intensivem Miteinander. Zeit von Angst und Sorge – und Zeit voller Chancen.

Liebe Menschen, ich mach jetzt mal einen derart appellativen Aufruf, wie er mir sonst gar nicht liegt. Aber heute kommt er aus tiefstem Herzen. Lassen Sie sich nicht von Angst und Sorge hypnotisieren! Kommen Sie aus der Lähmung des ersten Schreckens hinaus, und machen Sie sich auf die Suche:

Wo liegt die Chance an diesen Tagen? Wo sind die Lichter im Dunkel versteckt? Machen Sie sich auf die Suche nach Auferstehung aus der Lähmung – schon vor Ostern, schon jetzt!

Ich wünsche Ihnen eine Zeit, in der ALLES Raum haben darf.
Eine zuversichtliche Zeit!

Katja Hornfeck
Pfarrerin im Kirchenkreis Jülich

Dieser Beitrag wurde am von unter Allgemein veröffentlicht.

Über Christian Justen

Geboren 1970 in Traben-Trarbach. Aufgewachsen in Irmenach (Hunsrück). Studium in Wuppertal und Bonn. Vikariat in Mülheim an der Ruhr. Probedienst in der Eifel, an der Mosel und auf dem Hunsrück. 2006 bis 2014 Pfarrer in Birkenfeld (Nahe). Seit 2014 Pfarrer in Übach-Palenberg.

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